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Vieles hat sich verändert (zum Besseren)!

"Und schließlich freue ich mich, mit gutem Gewissen sagen zu können: Mehr als drei Jahre nach meiner Diagnose sind meine Sorgen, dass ich nicht mehr lange aktiv sein kann, nicht zur Realität geworden."

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Am 22. Dezember schrieb ich auf Instagram über das dreijährige Jubiläum meiner MS-Diagnose. Lucy vom OMS-Team fragte mich, ob ich etwas ähnliches für die OMS-Seite schreiben könne. Mittlerweile ist es Januar und somit Zeit, ein anderes MS-Jubiläum zu feiern: Vor drei Jahren begann ich, nach dem OMS-Programm zu leben. Nun ist es an der Zeit, zurückzublicken und meine bisherige Reise zu reflektieren!

Nach meiner Diagnose ein paar Tage vor Weihnachten 2017 wusste ich, dass sich mein Leben innerhalb der nächsten Jahre drastisch ändern würde. Ich wusste nicht, was passieren würde und wie diese chronische Krankheit mein Leben beeinflussen würde. Es wäre eine Lüge zu sagen, dass ich durchgehend optimistisch war; und es wäre auch nicht wahr zu behaupten, dass es keinen Moment während meiner Reise gab, in dem ich Angst hatte, dass ich irgendwann nicht mehr in der Lage sein könnte, meine Träume zu verfolgen. Natürlich hatte ich Angst, dass ich mein Studium nicht mehr beenden kann, dass ich gezwungen werde, mit dem Sport aufzuhören oder dass sich einige Menschen von mir abwenden.

Und natürlich – Vieles hat sich innerhalb der letzten drei Jahre geändert! Aber mein Leben hat sich nicht zu einem weniger lebenswerten Leben verändert: Nichts von dem, was ich zuvor erwähnte, ist wahr geworden. Im Gegensatz haben sich eine ganze Menge an großen und kleinen Dingen in meinem Leben zum Besseren verändert.

Meine Zukunftspläne veränderten sich. Bereits seit 2012 studierte ich Mathe und Deutsch auf Gymnasiallehramt. Allerdings realisierte ich eines Tages, dass der Lehrer:innenberuf nicht mehr ideal für mich ist, da er von Zeit zu Zeit sehr stressig ist. Hätte ich dann Probleme mit der MS, müsste ich trotzdem zur Schule gehen und für meine Schüler:innen da sein. Es wäre also keine Option, von zu Hause zu arbeiten. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, was ich stattdessen machen möchte. Ich hatte schon immer mit dem Gedanken gespielt, einen Doktor zu machen, aber ich dachte, ich würde es nicht schaffen (besonders jetzt mit der MS). Dann änderte sich etwas in meinem Denken und ich sagte mir „Jetzt erst recht!“ Ich entschied mich, dass die MS mich nicht daran hindern wird, nach den Sternen zu greifen. Heute strebe ich eine Universitäts-Karriere an und hoffentlich kann ich mich in wenigen Jahren „Dr.“ und viele Jahre später „Prof.“ nennen (lasst uns nicht mit dem Träumen aufhören)! 😊

Seit dem Tag meiner Diagnose habe ich zudem viel über Freundschaft gelernt. Ich weiß, wer meine Freunde sind, ich weiß, wer immer für mich da sein wird, egal wie tief das Loch ist, in das ich falle. Ich bin dankbar für jede einzelne Person in meinem Leben, die mich für das akzeptiert und liebt, was ich bin. Umgekehrt habe ich gelernt, dass jede:r anders ist, dass die Realität jeder Person anders aussieht und dass ich die Denk- und Handlungsweisen von Menschen besser nachvollziehen möchte, um für sie eine bessere Freundin mit hilfreichen Gedanken sein zu können. Ich hoffe, dass ich gelernt habe, verständnisvoller und geduldiger im Umgang mit anderen Personen zu sein.

Weiterhin habe ich gelernt, meine Bedürfnisse zu kommunizieren, über meine Gefühle zu sprechen und dass es keine Schande ist, sich schlecht zu fühlen oder verzweifelt zu sein. Ich habe gelernt, ehrlich zu sein, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht und ich habe angefangen zu lernen, wie ich auf meinen Körper höre und mir Zeit für mich selbst nehme, wenn ich sie brauche – ohne mich nutzlos, unproduktiv oder wertlos zu fühlen (naja, in diesem Bereich muss ich noch besser werden).

Und schließlich freue ich mich, mit gutem Gewissen sagen zu können: Mehr als drei Jahre nach meiner Diagnose sind meine Sorgen, dass ich nicht mehr lange aktiv sein kann, nicht zur Realität geworden. Stattdessen fahre ich Rennrad, Mountainbike und gehe laufen. Vor über 16 Monaten bin ich einem Leichtathletik-Verein beigetreten und in diesem Jahr möchte ich mich in einem Triathlon-Verein anmelden, um meinen allerersten Triathlon zu bestreiten. Nie zuvor in meinem Leben war ich fitter als jetzt – und ich liebe es, denn es ist nicht nur super für meine körperliche Gesundheit, sondern auch für meine Psyche.

Meine Diagnose hat ihre Schattenseiten, aber ich versuche immer, die positiven Aspekte in allem zu sehen, das das Leben mir in den Weg legt. Diese Reise hat mir viele Möglichkeiten gegeben, über das Leben nachzudenken: Was ist wichtig für mich? Mit wem möchte ich mein Leben verbringen? Wer möchte ich sein? Ich habe einen gesünderen Lebensstil entwickelt, lebe jeden Moment bewusster und ich habe keine Angst, die Person zu sein, die ich bin – mit all den bunten Emotionen, die ich erlebe.

Ich denke, ich habe für mich die bestmögliche Weise gefunden, um mit dieser Krankheit umzugehen und ich bin stolz auf die Person, die ich geworden bin sowie auf das Leben, das ich um mich herum aufgebaut habe.

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